Leseprobe „Liv & Leif“

Ein Auszug aus dem ersten Kapitel

Der Traum lag schwer auf ihrer Brust, drückte sie fest in die Matratze. Immer tiefer. Regungslos lag sie da. Wie von ihrer Decke gefesselt, der Kopf auf dem Kissen fixiert. Ihr Atem ging flach und kratzte im Hals. Sie war durstig und fror. Ihr Körper war steif, die Muskeln kalt. Sie war gelähmt und die Zeit schien stillzustehen. Würde sie sich jemals wieder aus diesem Bett erheben? Der Druck auf ihren Körper verstärkte sich, presste die Luft aus ihrer Lunge. Sie glaubte, das Holz ihres Bettes knacken zu hören. Dann wurde sie losgelassen. Sie sackte plötzlich nach unten, fiel und entkam durch den Sturz endlich der Schwere auf ihrer Brust. Entkam sogar der Schwerkraft, bis –

Liv erwachte mit den Flusen ihres Teppichs im Mund. Sie lag auf ihrem tauben linken Arm, hatte den rechten hinter dem Rücken verdreht, die Beine in der Decke verfangen. Stöhnend und blinzelnd strampelte sie sich frei, kam erst auf den Bauch und dann auf die Knie. Kurz glaubte sie, im Türrahmen eine Gestalt stehen zu sehen, doch die Tür war geschlossen und davor hing nur ihr schwarzer Regenmantel. Sie griff nach dem Bettpfosten und zog sich daran hoch. Warum schlief sie nicht gleich auf dem Boden? Sie erwachte ohnehin immer hier unten.

Liv taumelte mit halb geschlossenen Augen ins Bad und ließ ihr Nachthemd auf den Boden fallen. Während das warme Wasser auf ihre Schultern trommelte, summte sie eine Melodie und versuchte, sich daran zu erinnern, zu welchem Lied sie gehörte. Dann schlüpfte sie in Shorts und T-Shirt und stellte in der Küche das Radio an. Sie grinste, als der Refrain eines Liedes erklang, das sie aus einem Hörspiel kannte. „It’s so cosy in hell. Wondering about the things she tells …“, sang sie und angelte den Orangensaft aus dem Kühlschrank. Fast leer. Typisch.

Ihre Mutter hatte eine Notiz auf dem Küchentisch hinterlassen. Ihre Handschrift war seltsam gestaucht. Wahrscheinlich war sie wie jeden Morgen in Eile gewesen. Prospekte liegen vor der Haustür. Vergiss den Tierarzttermin nicht. 11 Uhr. Hab dich lieb.

Liv warf einen Blick auf ihr Handy und verschluckte sich an ihrem Saft. 10:15 Uhr. „Verfluchter Mist“, hustete sie, während sie hektisch ihren Rucksack packte. Hatte ihr Wecker nicht geklingelt? Sie erinnerte sich, von einem eigenartigen Piepen geträumt zu haben. „Emma!“, rief sie und stopfte sich ein Stück Toast in den Mund. Emma tauchte nicht auf. „Wir haben keine Zeit für diese Spielchen. Du brauchst deine Impfung. Emma!“ Liv polterte die Treppe hoch und wieder runter. Keine Spur von ihrem Golden Retriever. Da hörte sie ein Fiepen aus dem Gästebad und öffnete die Tür. Emma stürmte ihr entgegen und warf sie fast um vor Freude. Schwanzwedelnd ließ sie sich auf den Rücken fallen, damit Liv ihren Bauch kraulen konnte. „Wie bist du denn da reingekommen? Hast du dich selber eingesperrt?“ Kopfschüttelnd legte Liv ihr das Halsband an und die beiden verließen eilig das Haus. Draußen schraubte sie den Anhänger an ihrem Fahrrad fest und befüllte ihn mit den Prospekten.

Schau nicht so vorwurfsvoll. Ein bisschen Bewegung tut dir gut. Auf dem Rückweg darfst du im Anhänger sitzen“, versprach sie. Emma war faul und ein wenig zu dick, aber Liv fand, das stand ihr im Rentenalter zu. Seit Livs erstem Schultag war Emma an ihrer Seite und der lag nun immerhin schon fast zehn Jahre zurück. Es tat ihr leid, dass sie die alte Hündin heute hetzen musste, doch die Prospekte hätten bis 10 Uhr ausgeteilt sein sollen. Also trat Liv kraftvoll in die Pedale und überschlug sich fast vor Eile, wenn sie absprang und durch die Vorgärten sprintete, um die Prospekte in die Briefkästen zu stopfen. Emma wartete hechelnd am Fahrrad und stierte sehnsüchtig auf den Anhänger.

Um 11:15 Uhr hatte sie endlich den Tierarzt erreicht, der auf der Hälfte ihrer Strecke lag. Liv hoffte, in wenigen Minuten mit ihrer Arbeit fortfahren zu können, und atmete zunächst erleichtert auf, als sie sah, dass das Wartezimmer bis auf eine Person komplett leer war. Zu ihrem Pech hatte der seltsame Kauz mit dem Hawaii-Hemd und der Sonnenbrille jedoch einen halben Zoo mitgebracht. Er teilte Liv ungefragt mit, an welch kuriosen Erkrankungen seine Haustiere litten und sparte nicht an Details. Liv hatte das Gefühl, von den Augen hinter der Sonnenbrille fixiert zu werden. Der Typ erzählte lebhaft von einem Hamster mit Arthritis, einer Schlange, die einen Autoschlüssel verschluckt hatte, einem Kater, der eine Allergie gegen sich selbst entwickelte, und einem Papagei, der unter chronischem Schluckauf litt. Liv nickte geduldig, weil ihr nichts anderes übrigblieb, und starrte auf die dunkel glänzenden Gläser seiner Brille. Sie überlegte im Stillen, warum Leute überhaupt Hawaii-Hemden trugen. Außerhalb Hawaiis zumindest. Gab es Menschen, an denen sie gut aussahen? Sie hatte jedenfalls noch keine getroffen. Als der Bericht des Mannes schließlich doch ein Ende fand, erkundigte er sich nach Emma.

Hypochondrie“, behauptete Liv. „Sie kommt jede Woche mit neuen Symptomen hierher. Letztes Mal war es ein Tinnitus, davor Schweißpfoten, davor Haarausfall. Einmal hatte sie Wahnvorstellungen und dachte, sie sei ein Hamster mit Arthritis.“

Liv rechnete damit, dass der Fremde verärgert, beleidigt oder zumindest verständnislos reagierte. Stattdessen erschien ein breites weißes Grinsen in seinem Gesicht, fast als freue er sich, dass sie sein kleines Spiel begriffen hatte. In diesem Moment wurde sein Name aufgerufen und er eilte mit seinen Käfigen und Boxen aus dem Raum. Liv kraulte Emma hinter dem Ohr und flüsterte: „Der Typ hat einen Vogel. Damit meine ich nicht den Papagei.“ Emma gähnte und rollte sich zu Livs Füßen zusammen.

Liv blätterte lustlos in einigen Magazinen und rutschte auf ihrem Stuhl herum. Zweifellos bekam die Tierärztin gerade ebenfalls die Lebensgeschichten der Tiere zu hören. Es war bereits fast zwölf Uhr und sie hatte die Hälfte der Prospekte noch nicht ausgeteilt.

Blöder Ferienjob …“, grummelte sie und begann, Angry Birds zu spielen. Bis vor ein paar Tagen war ihr Smartphone kaputt gewesen und hatte sich nicht mehr anschalten lassen. Jetzt funktionierte es auf einmal wieder einwandfrei. Liv hatte die technologische Wiederauferstehung mit einem Schulterzucken zur Kenntnis genommen. Sie war erstaunlich gut ohne ihr Handy zurechtgekommen. Schließlich waren ihre Mutter und ihre besten Freunde immer in Rufweite. Erst jetzt, wo sie es zurück hatte, fiel ihr auf, wie viel Zeit sie tatsächlich damit verbrachte. Wenn sie sich auf ihren Touren verfuhr, was unerklärlicher Weise noch immer vorkam, fragte sie Google nach dem Weg. Verhasste Wartezeiten überbrückte sie mit Musik oder einem Spiel. Und wenn sie Glück hatte, schrieb ihr –

Das Handy gab einen Gong-Ton von sich und Liv stieß vor Überraschung einen spitzen Schrei aus. Emma hob irritiert den Kopf. „Jonathan hat geschrieben“, wisperte Liv aufgeregt. Sie hatte verknallte Mädchen immer albern und anstrengend gefunden, bis sie selbst eines geworden war. Mit hämmerndem Herzen öffnete sie die Nachricht. Die Prospekte und der Zeitdruck waren vergessen.

Hey, Mäuschen! Ich hab mir etwas ganz Besonderes für unser Treffen heute Mittag überlegt.

Liv grinste. Er hatte sie Mäuschen genannt. Das war natürlich ein ziemlich blöder Kosename. Nicht gerade kreativ oder individuell. Trotzdem konnte sie sich nicht dagegen wehren, dass ihre Mundwinkel nach oben wanderten und ihr Magen flatterte.

Sei um 14 Uhr hungrig am Brunnen im Park. J

Livs Lächeln erstarb. Das waren nur noch zwei Stunden und auch diese schmolzen immer weiter dahin. Geduld gehörte nicht zu ihren Stärken und heute zerrte das Warten ganz besonders an ihren Nerven. Als sie die Praxis mit Emma endlich verließ, blieben ihr noch genau siebzig Minuten.

Ich weiß, du bist müde. Aber ich will dieses Date wirklich nicht verpassen. Er hat ein Picknick für mich vorbereitet und er hat mich Mäuschen genannt.“ Emma blickte unbeeindruckt zu ihr auf. Liv bückte sich und kraulte mit beiden Händen ihren Kopf. „Das bedeutet, dass er mich heute fragen wird, ob ich seine feste Freundin werde. Ganz offiziell.“ Ihre Stimme bebte vor Freude und sie räusperte sich. „Also muss ich ordentlich in die Pedale treten, um rechtzeitig zu diesem bedeutenden Ereignis zu kommen. Und du musst …“

Emma schob schwanzwedelnd mit ihrer Schnauze einen Stapel Prospekte zur Seite und kletterte auf den Anhänger.

Oh. Ich vermute, das geht auch. Dann strample ich wohl doppelt so stark. Danke für dein Verständnis.“ Emma bellte und legte sich wie ein Puzzlestück zwischen die Papierstapel.

Nach zwanzig Minuten war Liv nassgeschwitzt. Ihre Waden brannten und sie röchelte, als die Straße anstieg. Das Shirt klebte und ihre schulterlangen Haare kräuselten sich, sodass kleine braune Löckchen in ihr Sichtfeld lugten. Sicherlich waren ihre Wangen bereits mit roten Flecken übersät. So konnte sie unmöglich zu dem wichtigsten Rendezvous ihrer baldigen Beziehung erscheinen. Natürlich wusste Jonathan aus dem Sportunterricht, wie sie aussah, wenn sie sich körperlich anstrengte. Und natürlich kannte er ihre Angewohnheit, zu jeder Verabredung zu spät zu sein. Schließlich waren sie schon in der Grundschule befreundet gewesen. Er wusste Bescheid über jede ihrer Macken und Fehler und er hatte sich dennoch in sie verliebt. Es gab also keinen Grund, sich Gedanken über ihr Auftreten zu machen. Dennoch hatte Liv das Bedürfnis, für ihn perfekt zu sein. Oder zumindest nicht schweißtriefend und verspätet.

Sie beschloss, die letzten drei Straßen heute ausfallen zu lassen, um eine Abkürzung zu nehmen. Vielleicht konnte sie zu Hause noch kurz duschen oder zumindest ihr Oberteil wechseln. Ob ihre Mutter damit einverstanden wäre, wenn sie sich die rote Bluse auslieh? Im Gegensatz zu den meisten ihrer Klassenkameradinnen hatte Liv bereits eine recht weibliche Figur. Durch ihre Kurven sah sie in ihren gerade geschnittenen T-Shirts allerdings ein wenig pummelig aus. Die rote Bluse jedoch zeigte, wie schmal ihre Taille tatsächlich war, und der Farbton passte gut zu ihren braunen Augen …

Verdammt“, keuchte Liv und bremste abrupt. Sackgasse. Hinter ihr gab Emma ein Grummeln von sich. „Mist. Ich hätte da hinten rechts abbiegen müssen“, jammerte sie und manövrierte das Rad und den Anhänger ungeschickt hin und her, bis sie in der schmalen Straße gewendet hatte. Sie warf einen Blick auf ihr Handy und stöhnte. Es war 13:30 Uhr und ihr Chef hatte versucht, sie zu erreichen. Liv raste die Straße entlang zurück, bog schwungvoll links ab und hoffte, dass sie nun wieder auf dem richtigen Weg war. Sie schaute kurz nach hinten, um nach Emma zu sehen. Der Hund hatte seinen Kopf auf den letzten Papierstapel gebettet und blinzelte mit halb geschlossenen Augen zufrieden in den Fahrtwind. Liv lachte und drehte sich wieder nach vorne – gerade noch rechtzeitig, um der über einen Gehstock gebückten Gestalt auszuweichen, die plötzlich vor ihr auf der Straße aufgetaucht war. Der Anhänger machte hinter ihr einen gefährlichen Schlenker, fing sich aber wieder. Livs Herzschlag pochte gegen ihren Hals und drückte ihr auf die Kehle. Das wäre fast schiefgegangen. Sie bremste ab, um vorsichtig wieder auf die richtige Straßenseite hinüber zu ziehen. In diesem Moment schoss links ein Moped aus der Seitenstraße. Liv schrie auf und riss den Lenker herum. Der Fahrer war so schnell unterwegs, dass er in der Kurve ebenfalls beinahe im Gegenverkehr fuhr und Livs Anhänger an der rechten Seite nur streifte. Dennoch reichte die Stoßwirkung, um den ins Schleudern geratenen Anhänger umzuwerfen. Liv hörte Emma jaulen, während sie selbst auf den Asphalt zuraste. Sie fiel hart auf die linke Seite und wurde unter ihrem Rad begraben. Der Anhänger brach aus seiner Halterung und flog über sie hinweg. Emma landete heulend in einem Gebüsch. Benommen lag Liv auf dem Boden, zum zweiten Mal an diesem Tag. Ihr Atem raste und in den Ohren rauschte das Blut. Die aufgeheizte Straße drückte kleine Steinchen in ihr Gesicht. Es schien eine Ewigkeit zu vergehen, in der sie sich nicht rühren konnte.

Ein Paar grauer Turnschuhe trat in ihr Blickfeld. Sie drehte den Kopf und schaute an einer schlanken, hochgewachsenen Person empor. Ein Junge, dessen Kopf von der Mittagssonne überstrahlt wurde. Er beugte sich vor und sein Gesicht tauchte aus dem flimmernden Licht heraus. Ein hübsches Gesicht, von hellem Haar gerahmt, das weiß leuchtete wie ein Heiligenschein. Seine Haut war blass, die Gesichtszüge ebenmäßig und etwas kantig. Eckige Brillengläser blitzten und offenbarten zwei hellblaue Augen, deren durchdringender Blick Liv erschaudern ließ. Er kam näher, öffnete den Mund.

Oh formten Livs Lippen, doch ihre Stimme versagte.

In Deutschland herrscht Rechtsverkehr.“ Die Worte waren sachlich und leise. Dennoch trafen sie Liv mit voller Wucht.

W-was?“ Statt ihr hoch zu helfen richtete sich der Junge wieder auf. „Zum Glück hat mein Moped keinen Kratzer abbekommen.“

Liv war sprachlos und starrte stutzig ins Licht. Da klarten ihre Gedanken endlich auf und sie trat das Fahrrad hektisch von sich, bis sie darunter hervorkriechen konnte. „Emma! Oh mein Gott! Em-“ Sie stieß mit ihrem Kopf gegen Emmas feuchte Nase. Der Hund stand schwanzwedelnd vor ihr, leckte ihr quer über das Gesicht und ließ sich freudig in die Arme schließen. „Ein Glück …“, murmelte Liv in ihr Fell hinein und merkte, dass sie kurz davor war, zu weinen. Ihr ganzer Körper zitterte, doch Emma schien es gut zu gehen.

Ich muss weiter …“, sagte der Junge träge und Liv sprang auf. „Du!“, rief sie und drückte ihm den Zeigefinger gegen die Brust. Ihr war etwas schwindelig und sie musste sich kurz sammeln.

Ich …?“, fragte er mit gespielter Langeweile. Jetzt, wo sein Gesicht nicht mehr engelsgleich erstrahlte, erkannte Liv ihn. Er war drei Stufen über ihr, obwohl er erst ein oder zwei Jahre älter war. Ein Überflieger und Sportler. Sie wusste, dass er wie Jonathan viel Zeit in der Kletterhalle verbrachte. Die Mädchen waren alle in ihn verliebt, aber die Jungen konnten nichts mit ihm anfangen. Soweit sie wusste, hatte er nicht sonderlich viele Freunde, doch die brauchte er auch nicht, um bewundert und angehimmelt zu werden. Er hatte einen seltsamen Namen, eine alberne Alliteration. Er hieß …

Leif Lind!“, rief sie und er hob die Augenbrauen.

Kennen wir uns?“

Heiße Wut brodelte in Livs Magen. „Du hättest mich und meinen Hund beinahe umgebracht.“ Seine Mundwinkel zuckten und sie ballte die Fäuste. „Das ist nicht lustig. Wir hätten uns ernsthaft verletzen können.“

Oh“, sagte er und blickte mit einem Mal besorgt drein. Er fokussierte eine Stelle über ihrer Schläfe und seine Augen weiteten sich.

Was?“, fragte Liv alarmiert. Ihr fiel auf, dass sie keinerlei Schmerzen spürte. Das lag wahrscheinlich am Adrenalin. Hatte sie sich unbemerkt eine schwere Verletzung zugezogen?

Scheiße …“, murmelte Leif.

Was ist da?“ Liv schielte panisch nach oben, doch sie konnte nichts erkennen.

Halt still.“ Leif beugte sich vor und fuhr sachte mit seinem Zeigefinger an ihrem Haaransatz entlang. Liv hielt den Atem an. Die Berührung kitzelte, doch sie wartete voller Anspannung auf den Schmerz. Leifs Gesicht schwebte direkt vor ihrem und sie starrte angstvoll in seine kühlen Augen, während seine Hand quälend langsam über ihre Schläfe fuhr und sich zu ihrer Stirn bewegte. Trotz der Hitze breitete sich eine Gänsehaut auf ihrem Körper aus. Was geschah hier gerade?

Leifs Hand kam auf der Mitte ihrer Stirn an und mit dem Zeigefinger tippte er mehrmals feste dagegen und lachte. „Seltsam. Klingt gar nicht hohl.“

Blödmann!“, fauchte Liv und schlug nach seiner Hand. Er zog sie jedoch rechtzeitig zurück und sie verpasste sich somit einen Schlag auf die eigene Stirn.

Leif lachte noch lauter, verstummte jedoch, als Emma ihn anknurrte. Das hatte sie noch nie getan. „Ganz ruhig. Ignoriere den Idioten“, flüsterte Liv und kraulte Emmas Ohr. Der Hund löste den Blick von Leif, schaute zu ihr auf und legte den Kopf schief. „Ich werde schon mit ihm fertig“, versicherte Liv und Emma trottete ein paar Meter über den Gehweg, bis sie sich im Schatten eines Baumes niederließ. Leif starrte sie noch immer an.

Du hast doch nicht etwa Angst vor ihr?“

Quatsch.“ Er zog einen Zettel aus seiner Hosentasche. „Bevor du mich verklagst, melde dich wegen der Reparaturkosten.“

Dann gibst du zu, dass du an dem Unfall schuld bist?“

Ich gebe zu, dass ich keine Lust habe, mich weiter mit dir zu unterhalten, Olga.“

Olga?“

So heißt du doch, oder nicht?“

Olivia! Aber alle nenne mich –“

Wie auch immer. Falls du dich dazu entschließt, Stützräder anbauen zu lassen, komme ich gerne für die Kosten auf. Das ist mein Beitrag zur Sicherheit im Straßenverkehr.“ Sein Grinsen verschwand unter dem Motorradhelm.

Du unverschämter, arroganter …“ Liv war froh, dass ihre Beschimpfung im Motorengeräusch seines Mopeds unterging. Ihr wäre ohnehin kein passendes Nomen eingefallen. Leif ließ den Motor aufheulen und die Reifen quietschen. Dann war er fort.

Liv setzte sich zu Emma in den Schatten, um sie zu untersuchen. Erfreut darüber, dass sie Livs Aufmerksamkeit nicht mehr mit einem Fremden teilen musste, rollte sie sich auf den Rücken und ließ sich den Bauch streicheln. „Komischer Kerl. Wer hat denn bitte einen Zettel mit der eigenen Nummer in der Hosentasche?“, brummte Liv. Als sie sichergestellt hatte, dass ihrem Hund nichts fehlte, faltete sie den Zettel auseinander. Leifs neue Nummer, stand dort, gefolgt von einer Zahlenreihe. Sie hätte den Zettel am liebsten zerrissen, doch sie wollte die Schäden an ihrem Rad nicht von ihrem eigenen Gehalt bezahlen. Das Vorderlicht war gesprungen und im hinteren Rad war eine Acht. Außerdem war die Halterung des Anhängers gebrochen. Also speicherte Liv die Nummer in ihrem Handy ein, unter Vollidiot, und zerriss den Zettel danach.

Der Weg nach Hause dauerte ewig. Liv schob mit der einen Hand ihr Rad und zerrte mit der anderen den Anhänger hinter sich her. Emma trabte neben ihr, schaute sie aber nicht an. Sie war beleidigt, weil sie nicht mehr im Anhänger sitzen durfte.

 

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