Leseprobe „Emily Bloomfield“

Prolog

1870. Es war warm und sonnig wie an jedem Tag, den sie bisher an diesem traumhaften Ort verbracht hatte. Während sie mit nackten Füßen durch den Garten schritt, sog sie die blumige Luft tief ein, doch der Duft der Rosen vermochte sie nicht zu beruhigen. Sorgenvoll hatte sie die Arme vor ihrem Bauch verschränkt. Ihre linke Hand hielt den Schlüssel fest umklammert.

Seit sie hier war, hatte sie nicht mehr geschlafen. Tag für Tag war sie rastlos umher gewandelt. Weder in der Bibliothek, noch im Musikzimmer hatte sie Zerstreuung gefunden. Und besonders nachts, wenn die Ruhe des Tages sich in undurchdringliche Stille verwandelte, blieb ihr nichts weiter übrig, als zu zählen. Denn jede Sekunde, die verstrich, brachte sie dem verabredeten Tag näher. Heute war es soweit. Bereits zum zweiten Mal.

Sie war dankbar für den kühlen Windhauch, der durch ihr verschwitztes Haar strich. Sie fühlte sich krank. Vergangenes Mal war niemand hindurch gekommen. Was sollte sie tun, wenn sie auch heute alleine blieb?

Als sie ihr Ziel erreicht hatte, verbrachte sie einige Minuten damit, die Zeiger ihrer Taschenuhr zu beobachten. Dann straffte sie die Schultern und streckte ihren linken Arm nach dem Schloss aus. Mitten in der Bewegung hielt sie jäh inne und sackte mit einem erschrockenen Aufschrei zusammen. Sie krümmte sich unter den Schmerzen und versuchte vergeblich, sich wieder aufzurichten. „Hilfe“, keuchte sie und als die starken Hände zweier Hausmädchen ihr aufhalfen: „Zu früh…“

Sie wehrte sich, als die Mädchen sie fortführen wollten. „Nein. Ich muss… das Tor…“, doch sie konnte sich den Griffen nicht entwinden. „Lasst mich!“, schrie sie und kreischte, als eine neue Welle des Schmerzes durch ihren Körper flutete. Jede Sekunde, die sie aufgehalten wurde, brachte sie weiter fort vom verabredeten Zeitpunkt. Sie riss sich mit letzter Kraft los, drehte den Schlüssel und öffnete mit zitternden Händen das Tor.

Niemand stand auf der anderen Seite.

 

Kapitel 1: Die wohlbekannte Melodie

Richard saß im Schatten eines Sonnensegels. Die schwüle Luft roch nach Kaffee und schwirrte von den Geräuschen der Stadt. Stimmen, Gabeln auf Porzellan, klirrende Gläser, in der Ferne Autolärm, Glockengeläut und aus allen Himmelsrichtungen der entfernte Klang von Straßenmusik. Kurz fragte er sich, ob ihm Rom früher gefallen hätte, wenn er als junger und gesunder Mann hierher gekommen wäre. Doch zu jener Zeit hatte die Stadt sicherlich noch ein anderes Gesicht getragen. Die Frage war ohnehin irrelevant, also ließ er sie fallen.

Er starrte auf das unberührte Wasserglas auf dem Tisch und auf die leere Cappuccinotasse daneben. Ein angebissenes Plätzchen lag auf der Untertasse. Der Aschenbecher enthielt den Überrest einer einzigen Zigarette. Sein Informant war schon lange fort, doch Richard schien wie festgeklebt an seinem Stuhl. Er versuchte, sich zu fokussieren, einen klaren Gedanken zu fassen, eine Entscheidung zu treffen. Was würde er als nächstes tun?

Dass die Spur ins Leere geführt hatte, war für ihn weder ein Schock noch eine Überraschung gewesen. Den Luxus solcher Emotionen besaß er schon lange nicht mehr. Doch nun, da er jedem Hinweis gefolgt war, befand er sich in einer perspektivlosen Lage. Und Perspektivlosigkeit war sein schlimmster Feind, denn sie lähmte seine Gedanken. Jede Idee schien abwegig, jede Frage irrelevant. Noch nicht einmal das Vorhaben, aufzustehen und in sein Hotelzimmer zurückzukehren, konnte er zu Ende denken und so blieb er sitzen. Schließlich war es egal, ob er hier oder in seiner Suite saß und vor sich hinstarrte. Vielleicht sollte er Joe anrufen…?

Kann ich Ihnen noch etwas bringen, Signore?“

Das amüsierte Lächeln erstarb im Gesicht der Kellnerin, als Richard den Kopf hob. Unwillkürlich wich sie einen Schritt zurück. Furcht. Er kannte diese Reaktion. Joe hatte ihn neu eingekleidet, um ihn weniger bedrohlich erscheinen zu lassen. Tatsächlich sorgten die hellgrüne Lederjacke, der violette Zylinder und die schwarz-weiß karierten Handschuhe häufig für schmunzelnde Blicke und Gekicher. Doch das hielt nie lange an.

Richard erwiderte den angstvollen Blick der Kellnerin ungerührt. Früher wäre es ihm unangenehm gewesen, einer jungen Frau in diesem Aufzug zu begegnen. Es hatte eine Zeit gegeben, in der ihm die Mädchen für sein gutes Aussehen und sein Modebewusstsein aufreizende Blicke zugeworfen hatten. Zu jener Zeit hätte er Joe schon alleine für den Vorschlag, eine leuchtend grüne Jacke zu tragen, ein Ohr abgeschnitten. Heutzutage jedoch stand er über diesen Dingen. Es rührte ihn nicht mehr, ob man ihn fürchtete, anhimmelte oder respektierte – solange es seinem Ziel nicht im Wege stand. Selbst den nutzlosen Informanten hatte er ziehen lassen, ohne ihm ein Haar zu krümmen. Der Aufwand, sich eines Mannes zu entledigen, mit dem er ohnehin nie wieder etwas zu tun haben würde, wäre eine nicht zu entschuldigende Energieverschwendung gewesen. Richard musste sorgfältig mit seinen Kraftreserven umgehen. Er würde sie brauchen, sobald er beschlossen hatte, was als Nächstes zu tun war. Er ging stets von der Prämisse aus, dass es etwas gab, das er tun sollte. Er ging davon aus, dass eine seiner Taten zu dem gewünschten Ergebnis und somit auf lange Sicht irgendwann zum Ziel führen würde. Auch wenn die Statistik der vergangenen Jahrzehnte diese Annahme zu widerlegen schien, hielt Richard daran fest. Die Alternative, den Zweck seines Daseins und all seines Handelns zu negieren, erschien ihm nicht logisch.

Richard musterte das Braun der geweiteten Augen der Kellnerin. Er glaubte sich daran zu erinnern, dass ihm dieser Farbton früher besonders gut gefallen hatte, und suchte in seinem Innern nach dem Hauch einer Gefühlsregung, um diese Vermutung zu belegen. Er fand nichts. Noch bevor er seine Aufmerksamkeit dem Mund, den Haaren oder dem Körperbau der Frau widmen konnte, war sein Interesse an ihr verflogen.

Sie holte Luft, um eine zittrige Wiederholung ihrer Frage hervor zupressen. In diesem Moment schoss ein Windstoß durch die Straße, der an den Sonnensegeln zerrte, einen Teller zu Bruch gehen ließ, Richards Zylinder von seinem Kopf fegte und die Klänge der angrenzenden Piazza mit sich brachte. Geigenklänge. Eine Melodie aus einem anderen Leben. Richard hatte das Stück als junger Mann gekannt.

Es kam nicht oft vor, dass Richards Geist und auch sein Körper ihm gehorchten, ohne mit Tatsachen und logischen Argumentationsketten überredet werden zu müssen. Die Kellnerin taumelte zur Seite, als er aufsprang, und stieß dabei einen Kollegen zu Boden. Der Lärm des scheppernden Bestecks und der zerspringenden Gläser übertönten die Musik und Richard spürte ein Gefühl in sich aufsteigen, das sich fast wie Ärger anfühlte. Sehr gut. Er rannte auf die Piazza zu. Er rannte. War das möglich? Wann war er das letzte Mal gerannt? Sicherlich nicht in diesem Jahrtausend.

Sowohl die belustigten Blicke, als auch die wütenden Ausrufe und ängstlichen Entschuldigungen entgingen seiner Aufmerksamkeit, als er sich den Weg durch eine Touristengruppe bahnte. Er hastete auf den Platz und sah sich um. Die Melodie war verstummt, doch der Musiker konnte noch nicht weit weg sein. Richard kannte den Komponisten des Stückes. Er konnte sich noch gut daran erinnern, seine Leiche verscharrt zu haben. Natürlich nicht eigenhändig.

Er war kein Musikliebhaber, doch er war in der Welt herumgekommen und hatte einiges gehört. Nichts war dieser Melodie jemals nahe gekommen. Es gab für diesen Fall zwei Hypothesen, von denen Richard ausgehen konnte. Entweder hatte ein fremder Musiker diese alte und einzigartige Melodie wiederentdeckt oder der Komponist, dessen leblosen Körper Richard persönlich untersucht hatte, lebte noch. Wie so oft stand die Wahrscheinlichkeit nicht auf Richards Seite. Doch welchen Sinn hätte es ergeben, von jener Hypothese auszugehen, die Richard seiner neu entdeckten Willenskraft und Energie berauben würde? Er hatte in seinem Leben Vieles erlebt, was unmöglich erschien. Tricks und Illusionen, aber auch sogenannte Wunder. Also beschloss er, dass der Komponist noch lebte. Das war eine gute Nachricht. Er hatte zwar am Tage ihrer ersten Begegnung bereits beschlossen, ihn umzubringen, doch vor seinem verfrühten Ableben hätte der Junge Richard noch von Nutzen sein sollen. Das könnte er nun nachholen.

Der Geigenspieler war fort. Richard spürte den Zorn, der vom Kopf in die geballten Fäuste schoss. Er genoss das Gefühl, hielt es fest und bestärkte sich darin. Es war, als würde Elektrizität durch seine Adern fließen und sich bis in den letzten Winkel seines Körpers ausbreiten. Seine kribbelnden Füße verlangten nach Bewegung, seine Mundwinkel zuckten, sein Kopf wurde geflutet von Gedanken, Ideen, Plänen. Er wusste, was zu tun war.

 

Kapitel 2: Emily Bloomfield

Vor mir erstreckten sich die Gänge des Herrenhauses fensterlos und kühl, wie ein Höhlenlabyrinth. Nackte Steinwände ragten starr zu den Seiten auf, um nach ein paar Schritten wieder in der Dunkelheit zu verschwinden. Nirgends gab es Orientierungspunkte. Ich hatte mir angewöhnt, mit den Fingerspitzen beim Gehen über den rauen Stein zu streichen, damit ich sicher sein konnte, dass ich mich tatsächlich von der Stelle bewegte.

In meiner Hand baumelte ein Paar unbequemer Schuhe. Es war einer dieser vorfreudigen Momente der Stille, in denen alles kurz verharrte und wartete, als hielte das Haus den Atem an. Diesen seltenen Augenblick wollte ich nicht mit dem Geklacker von Absätzen durchlöchern, bevor er sich ohnehin mit einem enttäuschten Seufzen des Gebäudes auflöste. Manchmal hielt ich selber gespannt inne. So musste sich ein Theaterzuschauer fühlen, der ungeduldig den Bühnenvorhang beobachtet. Doch das Bild vor meinen Augen teilte sich nicht in der Mitte und glitt nicht nach links und rechts davon, um eine neue Kulisse zu offenbaren.

Obwohl ich mich verspäten würde, behielt ich mein gemächliches Tempo bei. Ich hatte es nicht eilig, zu meiner Klavierstunde zu gelangen, deshalb war mir die Wand grade recht gekommen. Massiv und dunkel hatte sie mich dort erwartet, wo ich noch gestern den Eingang zum Musiktrakt durchquert hatte. Ein Fremder hätte wohl verwundert das unerwartete Mauerwerk betastet und anschließend am eigenen Verstand zu zweifeln begonnen. Ich hatte gleichmütig kehrt gemacht. Verirrte Wände waren mir nicht neu.

Während ich mit dem gleichen Ziel in die entgegengesetzte Richtung spazierte, kam Bewegung in das scheintote Herrenhaus. Mit der Stille war es aus. In einiger Entfernung vernahm ich das Geräusch gegeneinander reibenden Granits. Irgendwo fiel eine Tür zu, ein Schlüssel drehte sich im Schloss. Der Fehler war aufgefallen und sollte behoben werden. Holz ächzte, Angeln quietschten und Stein knirschte. Ich ließ mich davon nicht beirren und strich lediglich den von der Decke rieselnden Staub von meinem Lieblingskleid. Schmuck- und farblos schmiegte es sich an meinen Oberkörper, um ab der Taille in weiten Bahnen nach unten zu fallen. Der Ausschnitt offenbarte nichts als blasse Haut, eine dünne Kette und scharf hervorstehende Schlüsselbeinknochen. Mager und hochgewachsen wie ich war, ließen mich meine Festtagskleider (ganz besonders das pompöse Hochzeitsgewand) aussehen wie einen geschmückten Besenstiel. Durch dieses Kleid jedoch wirkte meine jungenhafte Figur – die dürren Beine und Arme, die flache Brust – beinahe elegant.

Obwohl ich mich im obersten Stockwerk des Gebäudes befinden musste, gelangte ich zu einer Treppe, welche mich weiter empor führte. Die noch ein wenig ungeordneten Stufen, die mal zu dicht beieinander und mal zu weit voneinander entfernt standen, erklomm ich geübten Schrittes. Dann ließ mich mein im schwarzen Stein der Wand dahintreibender Frisierspiegel innehalten. Es kam selten vor, dass die persönlichen Besitztümer aus meiner Schlafkammer sich in die Weiten dieses Hauses hinaus wagten.

Mein Spiegelbild erinnerte mich daran, auf welch lächerliche Weise man mein Haar in Kringel gelegt und hochgesteckt hatte, um zu proben, an welcher Stelle morgen der Schleier befestigt würde. Normalerweise trug ich meine Haare offen, sodass kleine rötliche Locken mein Gesicht umrahmten und die restlichen hüftlangen Wellen meine abstehenden Ohren verdeckten. Doch normalerweise würde ab meinem sechzehnten Geburtstag der Vergangenheit angehören. Ich nestelte nervös an der viel zu schnell laufenden Uhr herum, die um meinen Hals hing, und ließ das bronzene Erbstück auf und zu schnappen. Das unablässige Rattern des Sekundenzeigers war seit ich denken konnte mein ständiger Begleiter, doch nun erinnerte es mich mit einer nervenaufreibenden Penetranz an die bevorstehende Trauung. Um den Gedanken an eine Ehe mit Ernest Pigeonhole daraus zu verbannen, schüttelte ich meinen Kopf, sodass die ersten Strähnen aus den Haarklammern entwischten, und riss den Blick los von meinem finster dreinblickenden Abbild im Spiegel.

Von oben kroch ein unverkennbarer Geruch die Stufen herunter. Es war eine Mischung aus erkaltetem Kerzenwachs, Ledereinbänden und modrigen Buchseiten, welche das Nahen der Bibliothek ankündigte. Als ich die einen Spalt breit geöffnete Tür passierte, vernahm ich ein leises Rascheln und das Flattern von Seiten in der Dunkelheit dahinter. Die Erfahrung sagte mir, dass ich bald von Neuem würde beginnen müssen, die alphabetische Sortierung der Bücher wiederherzustellen. Doch wie konnte ich es der Bibliothek verdenken, dass sie ihre Langeweile vertrieb, indem sie Unordnung verursachte? Das Schicksal Hunderter anderer Zimmer teilend bekam sie nur wenig Besuch, denn außer mir und der Gouvernante hauste hier niemand und das Personal bot kaum Unterhaltung. Unscheinbar und dunkel gekleidet bewegten die Zimmermädchen und Kammerdiener sich durch das Haus, wie Schatten, die zum Inventar gehörten. Sie hatten glatte, ausdruckslose Gesichter und trugen keine Namen. Bis heute hatte ich nicht herausgefunden, in welchen Zimmern sie nächtigten, obwohl ich ihnen manches Mal heimlich durch die langen Gänge zu folgen versucht hatte.

Als ich einen Blick zurückwarf, war die Bibliothekstür bereits zur Hälfte im Boden versunken. Sicher würde ich sie allzu schnell nicht wieder finden. Mein Geburtshaus war wie ein Puzzle, dem jemand ein Teil gestohlen hatte und das ständig versuchte, in seine naturgemäße Form zu gelangen. Immer wieder begannen die Gänge, sich zu biegen, Treppen änderten ihre Richtung, Räume schrumpften zu Kammern oder wuchsen zu Sälen, die Galerie mit den Gemälden meines Vaters drehte sich um ein paar Grad und Türen gingen auf Wanderschaft. Wenn ganze Stockwerke sich neu zu arrangieren begannen, brachte es nichts, sich an bestimmte Wege oder Richtungen zu halten. Von außen mochte das Herrenhaus noch so beeindruckend kolossal und altertümlich wirken, von innen glich es einer verworrenen Geisterstadt, die sich ständig im Bau befand. Und ich irrte durch die Gemächer, die mein zu Hause sein sollten, wie ein Eindringling, der das Wesen dieses Ortes nicht gänzlich verstand.

Ich hatte gelernt, meine Aufmerksamkeit auf bestimmte Indizien zu lenken, welche mir die Orientierung hier erleichterten. Nun war es die Ausdünstung niemals trocknen wollender Farbe, die mir meinen Kurs verriet. Zwar hatte sie sich in allen Winkeln des komplizierten Gebäudes eingenistet, doch ihre Intensität nahm zu. Meine unfreiwillige Besichtigung führte mich also durch die Galerie Jacobs, von der aus meine porträtierten Vorfahren den riesigen Ballsaal überwachten. Hell und hölzern erstreckte sich der Boden hinter dem Geländer weit unter uns, voll Schrammen und Macken, die tanzende und torkelnde Absätze bei rauschenden Festlichkeiten dort hinterlassen haben mussten. Ebenso waren verblasste Rotweinspritzer, ein vom Staub matt gewordener Kronleuchter und mit Tüchern verhangene Buffettische Beweise ausgelassener Feiern. Dennoch konnte ich mir nicht vorstellen, dass jemals Musik und Gelächter die ausladende Treppe zur Galerie hinauf geweht waren. Es fühlte sich so an, als sei vor und nach mir kein Mensch durch diesen Saal geschritten. Vorwurfsvoll stöhnten die Dielen auf, als ich die Halle unter den Blicken meiner in goldene Rahmen gesperrten Familie passierte.

Jacobs Gemälde weckten in mir die Sehnsucht nach meinem eigenen Atelier, denn ich brannte darauf, meine im Garten angefertigten Skizzen mit Farbe und Leben zu füllen. Im Rosengarten hielt ich mich nur selten auf, denn anders als der Rest des Anwesens war er von einer starren Ordnung durchdrungen, die mir das Gefühl gab, die Zeit stünde still. Der Anblick, der sich mir dort bot, blieb immer gleich: Symmetrisch angeordnete helle Kieswege und penibel gestutzte Hecken grenzten die strikt nach Farben getrennten Rosenbeete ein, welche sich um einen Marmorbrunnen und um das mit einem weißen Blütenlaken bespannte Hügelgrab meiner Mutter herum gruppierten. Im Sommer wie im Winter wucherten und vergingen die Pflanzen nicht, kein Vogel verirrte sich dorthin und das Brunnenwasser war stets unbewegt und klar. Der schwere Rosenduft roch alt und hinterließ auf der Zunge den Geschmack einer versehentlich eingeatmeten Parfumwolke. Ich begab mich lediglich für meine Skizzen dorthin, denn hinter einer der Hecken verbarg sich ein Tor aus verschlungenen Eisenstäben, das ich als Motiv in einem Kunstwerk verwenden wollte. So recht war mir noch keine meiner Zeichnungen gelungen, denn das Tor hatte etwas an sich, das sich nur schwer mit Kohlestiften einfangen ließ. Ich hoffte, seiner unvollkommenen und wilden Schönheit mit kräftigen Farben gerecht werden zu können. Das rostige Eisen war mit Rosenranken verwachsen, sodass zwischen orangenen und satt-grünen Schnörkeln bunt blühende und welkende Blumenköpfe leuchteten. Braune Blätter, Rost und herausragende Dornen gaben dem Tor eine gefährliche Ausstrahlung.

Vielleicht wäre ich meiner Klavierstunde tatsächlich ferngeblieben, wenn mein Weg mich zu den Kohleskizzen in mein Atelier geführt hätte. Doch stattdessen erschien hinter der nächsten Biegung des Ganges das Kaminzimmer. Allem Anschein nach waren ihm seine Wände, die Tür und das Fenster abhanden gekommen, sodass sich das Mobiliar gezwungenermaßen samt Kamin und Feuer auf dem Flur verteilt hatte. Prasselnd sandten die Flammen ihr warmes Licht in den Gang hinaus. Auf dem Sessel lag noch immer mein liebstes Buch, in dem ich die gesamte letzte Nacht gelesen hatte. Es ging darin um einen König, der nach einem gewonnenen Krieg allerhand Naturgewalten, Gottheiten und Monstern trotze, um endlich in seine Heimat zurück zu kehren. Oft hatte ich mir ausgemalt, meinem Vater sei es ähnlich ergangen und eines Tages würde seine beschwerliche Reise ein Ende finden. Einige Monate vor meiner Geburt und dem Tod meiner Mutter war Jacob fortgegangen und niemand wusste, was ihn bis heute an seiner Rückkehr hinderte. Mittlerweile schien es kaum noch eine Rolle zu spielen. Keine Erklärung würde die Zeit der Einsamkeit ungeschehen machen. Auch würde Jacob nach dem morgigen Tag die von ihm arrangierte Verlobung mit Lord Pigeonhole nicht mehr aufheben können. Ernest war zwar nicht nur reich und ansehnlich, sondern auch mit guten Manieren und einem freundlichen Gemüt gesegnet. Doch ich konnte mir ein gemeinsames Leben mit ihm ebenso wenig vorstellen, wie die Hochzeit mit einer Schneiderpuppe, der man ein Lächeln aufgemalt hatte. Unter seiner höflichen Fassade gab es nichts weiter zu entdecken als formlose Watte.

Ohne mir dessen bewusst zu sein, hatte ich halt gemacht, um das Gemälde Victoria Bloomfields über dem Kaminsims zu betrachten. Hier fühlte ich mich ihr näher als an irgendeinem anderen Ort, denn der Blick meiner Mutter ruhte auf mir, genauso wie Jacob ihn vor Jahren eingefangen hatte. Von all seinen Hinterlassenschaften war dieses Gemälde mir die Liebste. Oft vertrieb ich mir die Zeit, indem ich nach Ähnlichkeiten zwischen Victoria und mir suchte: Das herzförmige Gesicht mit seinem spitzen Kinn und den runden Wangen hatte ich zweifelsohne von ihr geerbt. Ebenso wie den vollen, dunklen Mund und die zierliche Nase. Doch von ihrer Eleganz und der Würde, die sie ausgestrahlt hatte, war ich weit entfernt – auch die rötlichen Haare, die Sommersprossen, Grübchen und auffälligen Ohren mussten die meines Vaters sein. Auf dem Portrait war Victorias golden glänzendes Haar zu einem tadellosen Zopf geflochten, der Blick ihrer leicht mandelförmigen Augen war warm und gütig. Je länger ich ihre Erscheinung in allen Einzelheiten studierte, desto stärker wurde das Gefühl, sie nicht zu kennen. Ich wusste ja noch nicht einmal, wie ihre Stimme geklungen hatte! Wenn ich mich besonders einsam fühlte, kam es mir oft so vor, als sei die kaputte Uhr, die einst ihr gehört hatte, die einzige Verbindung zwischen uns beiden.

Ich sollte fortlaufen. Der Gedanke kam ebenso plötzlich wie unerwartet. Erfolglos versuchte ich, ihn beiseite zu schieben. Nun, ich musste das Anwesen ja nicht gleich für immer verlassen. Und sollte ich die letzten Stunden vor der Trauung nicht lieber mit einem heimlichen Ausflug zum verbotenen See als mit dem Üben von Sonatinen verbringen? Seit ich einmal als Kind dorthin geflohen war, behauptete die Gouvernante, der See sei verflucht. Vielleicht hatte sie recht und das mysteriöse Leuchten, das ich damals am Grund des Gewässers entdeckt hatte, entsprach einer übernatürlichen Quelle. Ich hatte sogar geglaubt, unter der Wasseroberfläche gedämpftes Murmeln wahrzunehmen. Da ich nicht schwimmen konnte, hatte ich meine Nachforschungen jedoch nur vom Ufer aus betreiben können. Ich erinnerte mich noch gut an das Entsetzen, das von mir Besitz ergriffen hatte, als ich trotz meiner Vorsicht kopfüber in das Wasser gestürzt war. Ich war wie gelähmt gewesen, hatte die Orientierung verloren. Zu meinem Glück hatte die Gouvernante mich genau in diesem Moment gefunden und aus dem Wasser gezogen. Seither war ich nie wieder am See gewesen. Ich fragte mich, wie es sein würde, an diesen Schreckensort meiner Kindheit zurückzukehren. Ob das Wasser so angsteinflößend wäre, wie in meiner Erinnerung?

Ich hatte mich beinahe dazu entschlossen, es herauszufinden, als unweit ein Klavierstück erklang. Das Musikzimmer hatte mich gefunden. Ich seufzte. Nun war ich nur noch eine Unterrichtsstunde und eine schlaflose Nacht entfernt von der Vollendung meines sechzehnten Lebensjahres. Und vom Beginn meiner Ehe.

Emily Pigeonhole“, sagte ich versuchsweise und zog eine Grimasse.

 

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