Leseprobe „Celias Reise“

Mein Lieblingskapitel: Das Rätsel der Greinenden Gerippe

Das Innere der Kapelle war düster und staubig. Celia rümpfte die Nase, denn es roch nach Mottenkugeln und abgestandener Luft. Die schwere Tür fiel zu und schloss das Getöse des Gewitters aus. Alles, was blieb, war ein sehnsüchtiger, melancholischer Gesang.

Eingeschlossen, fein sortiert

Auf Knochenhaufen reduziert.

Kopf bei Kopf und Bein bei Bein

Unbeweglich, starr wie Stein.

Wir weinen, greinen, klagen Leid,

denn Tanzen ist Vergangenheit.

Eingeschlossen, fein sortiert…

„Wer ist da?“, fragte Celia in die Dunkelheit hinein und die Stimmen verstummten. Niemand antwortete. In der Mitte der Kapelle stand eine einzige, von feinen Spinnweben umgarnte Kerze, deren flackernde Flamme sich zuckend aufbäumte, als versuchte sie vergebens die kleine Kirche auszuleuchten. Celia bemerkte kaum, dass die Springmaus nach Leibeskräften an ihrem Rockzipfel zerrte, um sie zurück zu halten, als sie bedächtig in den Lichtkegel wandelte. Neugierig hob sie die Kerze aus ihrem verrosteten Halter.

„Sie hat die Kerze.“, flüsterte jemand.

„Sie hält die Kerze in der Hand.“, wisperte eine andere Stimme.

„In der Hand.“, echote jemand zu ihrer Linken.

„Und der Kopf sitzt auf dem Hals.“, kam es zusammenhanglos und leicht verwirrt aus der anderen Richtung. Im schwachen Schein der Kerze konnte Celia nichts erkennen, so sehr sie ihre Augen auch anstrengte. Seufzend stellte sie den dünnen Wachsstab zurück, entfernte sich ein wenig und machte dann einen großen Schritt darauf zu. Der staubige Boden färbte ihre nassen Füße grau, doch das kümmerte sie nicht. In Windeseile wuchs die Kerze, wurde dicker, breiter, höher, bis Celia sie kaum noch hätte anheben können, und auch das Flämmchen streckte sich in die Höhe und verbreitete ein warmes, nunmehr hell leuchtendes Licht.

Kerzenschein fiel auf ein langes Regalbrett und darauf lagen…Knochen. Mit offenem Mund schaute Celia sich um: Die gesamte Wand war gesäumt von Holzbrettern, auf denen kalkfarbene Ellen und Speichen, Fuß- und Handknochen, Becken und Schädel säuberlich sortiert und akkurat aufgereiht waren. Beinahe blieb ihr das Herz stehen vor Schreck, denn die Springmaus begann plötzlich ganz grausig zu wimmern.

„Nicht doch. Vor uns muss niemand Angst haben.“, sagte einer der Schädel mit sanfter Stimme. Seine Zähne klapperten leise. „Wir sind bloß ein paar alte Gerippe, eingeschlossen, fein sortiert, auf Knochenhaufen reduziert…“ Auch die anderen Totenköpfe stimmten in den Trauergesang ein und trotz ihrer unbeweglichen Mienen schauten sie bekümmert.

„Seid ihr deshalb traurig? Weil euch jemand auseinander genommen hat?“, fragte die Springmaus taktlos und etwas harsch.

„Weil wir nicht mehr tanzen können.“, antwortete der Kopf eines Skelettes, „Wir lieben das Tanzen und Singen, müsst ihr wissen.“

„Und aus eigener Kraft können wir uns nicht mehr zusammensetzen.“, fügte ein anderer hinzu.

„Vielleicht kann ich euch helfen.“ Ohne lange zu überlegen nahm Celia einen Unterarmknochen und hielt ihn in die Höhe. „Wem gehört der hier?“

„Mir, das ist mein Arm!“

„Nein, Friedhelm, der gehört mir.“

„Da irrst du dich, Berthold.“

„Ich werde doch wohl noch meinen eigenen Arm wiedererkennen.“

„Pah, du kannst doch eine Rippe nicht von einem Halswirbel unterscheiden.“

„Und du wüsstest nicht, wo dir der Kopf steht, selbst wenn er angewachsen wäre!“

So ging das eine ganze Weile, bis sich herausstellte, der Knochen gehörte einem Skelett namens Fridolin, das die Debatte schlichtweg verschlafen hatte. Erst durch sein beharrliches Schnarchen hatte es auf sich aufmerksam gemacht und als man es aufweckte rief es prompt: „Das ist ja mein Unterarmknochen!“ und damit hatte der Streit ein Ende.

Allerdings war dies nur ein Knochen von vielen gewesen und Celia hatte noch eine Menge zu tun. Die gestiefelte Springmaus, die mit der Zeit immer mutiger wurde, bot sich schließlich als Assistent an und rief wie auf einer Versteigerung die Namen der Knochen aus, die Celia präsentierte. Manchmal, wenn ihr der Knochen fremd war, erfand sie einen Begriff wie Konvexdraxel oder Fingerhutkuppenstiel oder Klammerstreckenknorpel, was allgemeine Verwirrung unter den Gerippen stiftete.

Bald waren einige der Schädel, die bereits einen vollständigen Arm oder sogar Teile einer Hand besaßen, dazu in der Lage, sich fortzubewegen. Sie schienen es satt zu haben, wie festgewachsen an immer ein- und derselben Stelle zu verweilen, denn ungeduldiger Weise testeten sie sogleich und ohne Vorwarnung die Wendigkeit und Kraft ihrer wiedererlangten Knochen aus. Kurz: Sie versuchten, von ihrem verstaubten Regalbrett zu klettern. Meist hingen sie wenig später nur noch mit einem oder zwei knochigen Fingern an der Regalkante und Celia musste ihnen schnell zu Hilfe kommen, denn sie hatten noch keine Füße, auf denen sie hätten landen können. Gerade hatte Celia das Sichten der Knochen unterbrochen, um den bitterlich um Hilfe rufenden Fridolin zu retten, der sich in letzter Sekunde mit seinen recht gut erhaltenden Zähnen am Holz festgebissen hatte und dessen Schreie in ungefähr so klangen: „Hiheee…Hiiiiiheee!“, da fiel hinter ihr jemand mit einem grässlichen Klappern zu Boden und sie musste den Knochenhaufen, der auf den Namen Berthold hörte, wieder ganz von vorne zusammenbauen.

„Ihr macht es einem durchaus nicht leicht, euch zu helfen.“, jammerte sie wenig später, als Friedhelm seinem Bruder Heinrich im Streit um einen kleinen Fingerknochen den Arm ausgerissen und dieser ihm dafür mit einem gekonnten Tritt – denn er hatte bereits beide Beine – den Kopf nach hinten gedreht hatte. Friedhelm, der nun entgegen der Richtung schaute, in die er auf seinem Bein hüpfte, war prompt über einen Haufen Beckenknochen gestolpert und hatte Humphrey, seinen britischen Cousin zweiten Grades und das erste komplette Skelett, das Celia nebenbei bemerkt eine große Hilfe beim Zusammenbauen seiner übrigen Familienmitglieder gewesen war, niedergerissen. Es dauerte eine Ewigkeit, bis Celia mithilfe der Springmaus die Knochen der beiden auseinander sortiert hatte. „Das ist alles Heinrichs Schuld!“, rief Friedhelm aufgebracht, „Der Schuft hat mir schon damals in der Kinderstube das Spielzeug wegschnappen wollen und jetzt hat er es auf meine Knochen abgesehen. Der Schuft sage ich!“, während Humphrey sich darauf beschränkte, gelegentlich ein „Bloody hell, welch ein Tohuwabohu!“ von sich zu geben.

Mit jedem Fortschritt, den Celia bei diesem komplizierten Knochenpuzzle machte, wurde die Stimmung in der Familiengruft ausgelassener. Die verkrachte Verwandtschaft söhnte sich zusehends aus, alte Fehden wurden beigelegt und man schwelgte in Kindheitserinnerungen. Hier und dort stimmte jemand die Verse eines altertümlichen Liedes an und wer es kannte, sang mit. Fridolin, der verwirrte Kopf, der als einziger Musikbanause wohl das schwarze Schaf der Familie war, beschränkte sich darauf, bisweilen ein paar schiefe Töne einzuwerfen, die anderen mit unpassenden Texten durcheinander zu bringen oder einfach eine völlig andere Melodie vor sich hin zu brummen. Humphrey hingegen, dem man zu seinen Lebzeiten nachgesagt hatte, er habe Rhythmus im Blut, borgte sich zwei Speichen, die noch keine Verwendung gefunden hatten, und erzeugte zum Ärgernis seiner hilflosen Cousins ein brausendes Trommelkonzert auf ihren Schädeln. Dabei hüpfte er klappernd von einem Fuß auf den anderen und wackelte mit der losen Hüfte. Kichernd gesellte sich Celia zu ihm auf die Tanzfläche und wenig später war die Luft erfüllt von Liedern, Gelächter und klimpernden Knochen. Selbst die Springmaus dachte nicht mehr daran, dass Blitz draußen wild kreischend die gelben Zähne fletschte und dass Donner über das Tal hinweg grollte, während der Windhund knurrend und jaulend seine Kreise um die Kapelle zog. Sie putzte in aller Seelenruhe ihre Ohren, kämmte die Barthaare und rollte sich inmitten der lustigen Gesellschaft zu einem Schläfchen zusammen.

 

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Das Märchen von „Celias Reise“ hat noch elf weitere Kapitel und sie alle warten auf Sweek darauf, von euch gelesen zu werden. Schaut gerne vorbei und lasst mir einen Kommentar da!